Urban INDEX Institut | Die Quartier-Stadt: analoge Insel im digitalen Meer
Unser Denken und Handeln ist auf Stadtqualität ausgerichtet. Der Maßstab ist das Stadtquartier: es ist die Brücke zwischen Standort und Stadt, Lage und Gegend, Investment und Gemeinwohl. Mit der von uns entwickelten Methodik der Indikatoren basierten Beratung, Planung und Gestaltung finden wir zukunftssichere Antworten auf die Fragen aktueller Projekt- und Stadtentwicklung. Ein Beirat hervorragender Persönlichkeiten, u.a. Wolfgang Christ und Thomas Sieverts, unterstützt uns dabei mit kritischer Sympathie.
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Die Quartier-Stadt: analoge Insel im digitalen Meer

Die Zu­kunft un­se­rer Stadt­mit­ten ist of­fe­ner denn je. Sie sind seit mehr als 100 Jah­ren reine Ge­schäfts­zen­tren. Ihre ur­ba­ne En­er­gie be­zie­hen sie aus dem re­ge­ne­ra­ti­ven Wech­sel­spiel von Kau­fen und Ver­kau­fen, Bum­meln und Shop­pen, Lauf­la­gen und Fre­quenz­brin­gern. Ohne den Han­del ist Stadt­kul­tur – wie wir sie ken­nen – sub­stanz­los. Doch im Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung ver­liert die Stadt ihr grö­ß­tes Gut, das Pri­vi­leg der Zen­tra­li­tät.

Autor: Prof. Wolfgang Christ | Erschienen in: Immobilien Zeitung 12/2014 am 27.03.2014

Das In­ter­net ist mit Macht dabei, alle we­sent­li­chen Funk­tio­nen des Markt­plat­zes Stadt zu über­neh­men: Im Netz ist alles unter dem vir­tu­el­len Dach der Glo­ba­li­sie­rung ver­füg­bar; zen­tren­re­le­van­te Sor­ti­men­te sind über­all und je­der­zeit zu­gäng­lich; 50 Me­ga­bit pro Se­kun­de ist die Ma­ßein­heit für An­ge­bot und Nach­fra­ge; mit Lap­top und Lo­gis­tik wächst zu­sam­men, was zu­sam­men­ge­hört, und der Markt­platz wird mobil. In einer ge­misch­ten Off­line-On­line-Han­dels­welt sagt die Zen­tra­li­täts­kenn­zif­fer immer we­ni­ger über die Hier­ar­chie der Um­satz­ver­tei­lung aus. Sie ist des­we­gen der In­di­ka­tor einer un­ter­ge­hen­den Epo­che.

Der Han­del ist stets die Avant­gar­de der Mo­der­ne. Frü­her, schnel­ler und ra­di­ka­ler im­plan­tiert er den Fort­schritt in den All­tag der Men­schen und plat­ziert ihn dort, wo es sie ge­mein­sam be­son­ders trifft: in der Stadt­mit­te. So war das Wa­ren­haus in sei­ner Blü­te­zeit auch In­be­griff vom An­griff auf die City. Das Shop­ping­cen­ter war Ikone der Wohl­stands­ge­sell­schaft und zu­gleich Sym­bol der Stadt­flucht.

Jeder Quan­ten­sprung der Han­dels­kul­tur ba­siert auf neuen Mo­bi­li­täts- und Me­di­en­in­fra­struk­tu­ren. Mit si­che­rem Ge­spür für die Be­dürf­nis­se und Sehn­süch­te in einer In­dus­trie­ge­sell­schaft ge­lingt es dem Han­del, den tech­ni­schen Fort­schritt in ein Life­sty­le­pro­dukt zu ver­wan­deln. So ist das von Emile Zola wun­der­bar als „Pa­ra­dies der Damen“ be­schrie­be­ne Wa­ren­haus „Au Bon Mar­ché“ funk­tio­nal nicht mehr als ein viel­ge­schos­si­ges La­ger­haus mit­ten in der Stadt.

Heute ist die kom­ple­men­tä­re Welt zum di­gi­ta­len On­line-Han­del das ana­lo­ge Stadt­quar­tier: Wenn im stän­dig ex­pan­die­ren­den In­ter­net un­end­lich viele Waren als Daten und Mar­ken als Bil­der zir­ku­lie­ren, dann ist der pri­vi­le­giert, der das Beste bei­der Wel­ten in­te­grie­ren kann. Was Gen­tri­fi­zie­rung ge­nannt wird, ist daher die lo­gi­sche Kon­se­quenz einer wach­sen­den Wert­schät­zung des Le­bens in einem Raum, der über­schau­bar ist, des­sen Gren­zen fu­ß­läu­fig er­fahr­bar sind, der all jene Funk­tio­nen mischt, die beim Aus­zug aus der Stadt se­pa­riert wur­den, und des­sen so­zia­les Netz­werk der öf­fent­li­che Raum ist. Die grün­der­zeit­li­chen In­nen­stadt­quar­tie­re wie am Prenz­lau­er Berg (Ber­lin), Eims­büt­tel (Ham­burg) oder das Nor­dend (Frank­furt) sind Mus­ter­bei­spie­le für ein Ma­xi­mum an ana­lo­gen Qua­li­tä­ten.

Das mit allen Sin­nen er­fahr­ba­re Quar­tier ist das In­klu­si­ons­me­di­um in der di­gi­ta­len Mo­der­ne. Des­sen Netz-Ar­chi­tek­tur baut auf Ei­gen­schaf­ten, die nicht im vir­tu­el­len Raum re­pro­du­zier­bar sind. Das sind vor allem „Triple A“-Qua­li­tä­ten: At­mo­sphä­re, Au­then­ti­zi­tät und die Aura des Ein­ma­li­gen.

Die Quar­tier-Stadt ist die ana­lo­ge Insel im di­gi­ta­len Meer. Sie ist ein Mo­dell für alle, wenn es ge­lingt, die­ses knap­pe Gut zu ver­meh­ren. Was wir brau­chen, sind le­ben­di­ge, urban co­dier­te, in­klu­siv ver­fass­te Stadt­quar­tie­re dort, wo die Mehr­zahl der Men­schen heute lebt: in der Zwi­schen­stadt. Für deren Pla­nung brau­chen wir als Richt­schnur keine Zen­tra­li­täts-, son­dern eine Ur­ba­ni­täts­kenn­zif­fer.